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SOS Bushmen

Roy Sesana erhält den alternativen Nobelpreis; Der Anwalt der Buschmänner hat viele Feinde

Roy Sesana prangert die Vertreibung der Buschmänner durch die botswanische Regierung an, und er predigt ein Leben in der Wüste. Er erhält am 7. Dezember den alternativen Nobelpreis, den seine vielen Kritiker ihm gern verweigern würden.

Wenn kein Lüftchen weht, fühlt sich New Xade wie ein Backofen an: Grün ist hier, mitten in der Wüste Kalahari, fast nichts. Im Schatten eines Dornenstrauchs sitzen Dorfbewohner und trinken Getreidebier. Einer von ihnen ist Kgatlhego Digobe, der eine schicke Sonnenbrille trägt. "Mann, es ist trostlos hier!" klagt der knapp Vierzigjährige. "Keine Arbeit, keine Felder. Wir wissen nicht mal, wo wir hier essbare Wurzeln finden können."

Vor drei Jahren soll alles besser gewesen sein. Damals lebte Digobe mit seiner Familie in dem mehr als 300 Kilometer entfernten, mitten im Zentralkalahari-Tierpark gelegenen Dörfchen Metsiamanong. Er war stolzer Besitzer einiger Esel und Ziegen. Doch dann begann die botswanische Regierung, die rund 3000 noch im Park lebenden Basarwa umzusiedeln - wie viel Zwang dabei ausgeübt wurde, ist umstritten. Immerhin wurde den San, wie die Buschmänner politisch korrekt zu nennen sind, eine Entschädigung gezahlt: Digobe hat fast 10 000 Euro erhalten, die inzwischen ("ich weiß auch nicht wie") aufgebraucht seien. Außerdem pflegt die Regierung auf die Klinik, Schule und Werkstätten hinzuweisen, die New Xade im Vergleich zu den Buschmanndörfchen im Park zu einer wahren Luxussiedlung mache.

Roy Sesana lacht darüber. Für den in New Xade ansässigen Träger des diesjährigen alternativen Nobelpreises kommt der Versuch der Regierung, auch noch die letzten im Park verbliebenen Buschmänner umzusiedeln, einem Völkermord gleich. "Auch wenn man uns nicht mit Gewehren niedermäht, so raubt uns die Regierung doch die Lebensgrundlage und führt so unseren Tod herbei", sagt der Gründer der Organisation Erste Menschen der Kalahari. Mit seiner goldgerahmten Brille, dem um den Hals gehängten Handy und dem makellos gebügelten Poloshirt sieht Roy Sesana nicht wie ein Jäger und Sammler aus. Doch auf sein früheres Leben im Kalahari-Park angesprochen, gerät der Landroverbesitzer ins Schwärmen: "Das Leben war süß. Wir hatten jeden Tag Fleisch, wussten, wo die wilden Wurzeln wuchsen, und tanzten abends den Regen herbei."

Aber der heute Siebzigjährige schuftete einst auch in den südafrikanischen Goldminen. Die Frage, warum er sein angeblich so paradiesisches Wüstenleben aufgab, um sich in den düsteren Bergwerken zu verdingen, bringt Sesana etwas in Verlegenheit: "Nur der Erfahrung halber." Das wiederum kann nicht erklären, warum er sich neunmal von den Minenbossen anheuern ließ.

Die Darstellung vom idyllischen Wüstenleben ist laut Jan Broekhuis, dem Vizedirektor im botswanischen Naturschutzministerium, "mit Verlaub gesagt, völliger Quatsch". Keiner der Buschmänner in der Zentralkalahari sei noch der Lebensweise der einstigen Jäger und Sammler nachgegangen: Sie hätten mühsam karge Felder bewirtschaftet und nur überlebt, weil sie mit Gewehren geschütztes Wild jagten sowie Ziegen hielten, die die Räude in den Tierpark brachten. "Wir mussten etwas tun", sagt Broekhuis, "sonst wäre der Park mitsamt den Buschmännern zu Grunde gegangen."

Die Antwort der Regierung in Gaborone aber fiel arrogant und grob aus. "Von oben herab" sei die Umsiedlung der Basarwa beschlossen worden, klagt die Menschenrechtsanwältin Alice Mogwe. Einen Plan, was aus den San werden solle, habe die Regierung nicht gehabt. Und bei Protesten gegen die Umsiedlungen kam es zu Zusammenstößen zwischen Sesanas Ersten Menschen in der Kalahari und der Polizei, wobei ein Gummigeschoss einem Buschmann den Unterkiefer zertrümmerte. Außerdem ließ die Regierung den Park sperren - eine Steilvorlage für Survival International in London.

Die hatte Roy Sesana und den Kampf der Ersten Menschen der Kalahari schon seit geraumer Zeit für sich entdeckt. Die Gruppierung blähte den Konflikt zum Vernichtungsfeldzug der Regierung gegen die Urbevölkerung auf. "Das letzte Kapitel im 200 Jahre währenden Genozid der Buschmänner ist angebrochen", meint der Vorsitzende Stephen Corry, "inzwischen wird sogar auf kleine Kinder geschossen."

Von Schüssen auf Kinder ist in einer ehemaligen Missionsstation in der Nähe von New Xade nichts bekannt. Hier ist der Kuru-Trust beheimatet, eine auch aus Deutschland finanzierte Organisation, die sich um die Wahrung der Kultur der 60 000 im Land verstreut lebenden Buschmänner kümmert. Kuru-Koordinator Hendrik Jerling über Survival International: "In jeder Presseerklärung sprechen die von neuen Todesfällen und sogar Folterungen. Woran liegt es nur, dass wir hier nichts davon mitbekommen?" Die Survivalkampagne richtet nach Jerlings Worten mehr Schaden als Nutzen an: "Sie spalten das Lager der Buschmänner, indem sie uns vorwerfen, Verräter zu sein, und schlagen die Tür für Verhandlungen mit der Regierung zu, indem sie absurde Vorwürfe erheben." Dazu gehöre die Behauptung, die Umsiedlungsaktion habe ihren Grund in der Entdeckung von Diamanten in der Zentralkalahari.

Wenn es um die Diamanten geht, zeigt die botswanische Regierung Nerven. Ihnen verdankt der bei seiner Unabhängigkeit 1966 bettelarme Staat seinen relativen Wohlstand: Botswana gilt heute als afrikanische Vorzeigenation. "Leute, denen die Buschmänner am Herzen liegen, sollten dieses Regime nicht unterstützen" - mit dieser Parole rief Survival International zum Boykott Botswanas auf. "Die Diamanten sind mit dem Blut der Buschmänner erkauft." Solche Töne lösen selbst bei Menschenrechtsanwälten Unverständnis aus. Die Regierungskritikerin Alice Mogwe klagt, die Intervention von Survival International verhindere die Debatte über die Zukunft der Buschmänner. "Wir müssen gemeinsam eine Entwicklungsperspektive für die Basarwa finden. Es ist nämlich nicht damit getan, sie wieder in Felle zu stecken und in die Wüste zurückzuschicken", sagt die Juristin.

Genau davon scheint Roy Sesana zu träumen. Auf die Frage, wie er sich die Zukunft des bedrohten Buschmannvolkes vorstelle, meint er nur: "Die Regierung soll uns in Ruhe und in der Wüste lassen." Krankenhäuser oder Schulen bräuchten seine Leute nicht. Auch er sei ohne Schulbildung klug und sogar Nobelpreisträger geworden. Sesana wäre der Erste, der ohne Gewehr und Landrover in der Wüste zu Grunde ginge, wendet der Kuru-Koordinator Jerling ein: "Der weiß doch nicht einmal, wie man ein Tier erlegt."


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